Das S-21 Museum und die Killing Fields – Kambodschas Gegensätze Teil 2

Killing Fields Phnom Penh Magic Tree

Nachdem wir eine Woche in Siem Reap verbracht hatten und selbst ich die Tempel in Angkor ziemlich beeindruckend fand, fuhren wir mit dem Bus weiter nach Phnom Penh.

Ich wusste nicht wirklich viel über die Stadt – über die Sehenswürdigkeiten, die es in Kambodschas Hauptstadt gibt, hörst und liest du leider nicht so viel wie über Angkor Wat. Dabei erzählen das S-21 Museum und die Killing Fields eine Geschichte, die gerade einmal 40 Jahre alt ist. Und diese Geschichte ist so grausam, dass ich durchaus nachvollziehen kann, dass darüber niemand gerne redet.

Auch für mich ist es schwer, in Worte zu fassen, was das Tuol Sleng Museum und die Killing Fields erzählen. Aber ich möchte es trotzdem versuchen und mit diesem eher sachlichen Artikel auf die junge Geschichte des Landes unter dem Regime der Roten Khmer aufmerksam machen, damit sie nicht in Vergessenheit gerät.

Die Bilder in diesem Artikel sind im Gegensatz zu denen in meinen anderen Artikeln nicht schön. Sie zeigen die Grausamkeit, mit der die Anhänger der Roten Khmer ihre eigenen Landsleute vernichteten. Und trotzdem können die Bilder nicht das wiedergeben, was ich gefühlt habe, als ich vor Ort war.

Hintergrund: Das Regime der Roten Khmer

Am 17. April 1975 marschierten die Truppen der Khmer Rouge unter der Regierung von Pol Pot in Phnom Penh ein und vertrieben alle Einwohner in wenigen Tagen aus der Stadt hinaus auf’s Land.

Pol Pot hing der Idee nach, dass die Armut des Landes ihren Ursprung im Unterschied zwischen Stadt und Land hatte. Er war davon überzeugt, ein besseres Kambodscha erschaffen zu können, indem er das Bauerntum stärkte und alles Städtische zerstörte.

Die etwa zwei Millionen Einwohner von Phnom Penh wurden, ebenso wie die Bewohner aller anderen Städte, in wenigen Tagen brutal aus ihren Heimen vertrieben und zum Arbeiten hinaus auf’s Land geschickt. Viele Menschen, vor allem alte Leute und Kinder, kamen dort gar nicht an, weil sie an den Strapazen der Gewaltmärsche starben.

Diejenigen, die auf den Feldern ankamen, wurden zu Arbeitern und waren gezwungen, schwarze Einheitskleidung zu tragen, um jede Unterscheidung unmöglich zu machen. Kambodscha verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit in ein riesiges Arbeits- und Gefangenenlager. Jeder Arbeiter wurde bis ins Detail überwacht und musste ständig um sein Leben fürchten – für den Tod reichte es schon, zu spät zur Arbeit zu erscheinen oder während der Feldarbeit zu sprechen.

Pol Pot hatte die ideologische Vorstellung eines Agrarkommunismus, der Kambodscha durch Nahrungsexporte wachsen lassen sollte. Um sein Ziel einer Gleichstellung aller Bewohner des Landes zu erreichen, schaffte er das Geld ab, schloss Schulen, Banken und Krankenhäuser und verbrannte Bücher.

Zusätzlich wurde die gesamte gebildete Bevölkerung des Landes nach und nach ausgelöscht. Lehrer und alle, die den Eindruck machten, schlau zu sein – darunter Ärzte, Ingenieure, Studenten, Diplomaten und Ausländer – wurden in Gefängnissen gefoltert und anschließend kaltblütig ermordet, wenn sie die Folter überlebten. Als Grund für die Verhaftung reichte es schon, eine Brille zu tragen oder zwei Sprachen zu sprechen. Ermordet wurden auch Kambodschaner, die im Verdacht standen, mit Ausländern in Kontakt zu stehen.

Seit der Machtergreifung im April 1975 wurde so innerhalb von nur drei Jahren und acht Monaten knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung Kambodschas ausgelöscht. Verschiedene Quellen berichten von einer verschiedenen Anzahl an Opfern, die sich zwischen zwei und drei Millionen bewegt.

Am 25. Dezember 1978 wurden die Roten Khmer von vietnamesischen Truppen gestürzt.

Das S-21 Museum

Vor dem 17. April 1975 war das Gebäude, das heute den Namen Tuol Sleng Museum trägt, ein Gymnasium. Unter dem Regime von Pol Pot wurde die Schule zum sogenannten S-21 Gefängnis (Security Office 21), dem größten Gefängnis der Roten Khmer in Kambodscha.

S-21 Museum Tuol Sleng Phnom Penh Cambodia

Es gab sowohl winzige Einzel- als auch Massenzellen – als Toilette diente eine winzige Box. Sprechen, Lachen oder Weinen war strengstens verboten. Viele tausend Menschen wurden im S-21 Gefängnis gefoltert. Die Foltermethoden waren vielfältig – und Ziel der Folter war es, den Gefangenen falsche Geständnisse zu entlocken, die in den Augen der Roten Khmer die Ermordung rechtfertigten.

Einen Selbstmord der Gefangenen verhinderten die Roten Khmer, indem sie die Fassaden der Gebäude mit Stacheldraht versahen, damit die Gefangenen sich nicht in den Tod stürzen konnten.

S-21 Museum Tuol Sleng Phnom Penh Cambodia

Die Gefangenen wurden in Massentransporten in das Gefängnis gebracht. Jeder neue Gefangene musste sich ausziehen, bekam neue Einheitskleidung und wurde anschließend fotografiert und katalogisiert. Er wurde gezwungen, alles über sich preis zu geben, damit die knapp 2.000 Mitarbeiter von Pol Pot, die im S-21 Gefängnis tätig waren, anschließend eine Grundlage für die Befragungen hatten, die mit der Folter zusammenhingen.

Cell S-21 Museum Tuol Sleng Phnom Penh Cambodia

Im Tuol Sleng Museum können die Besucher sich die einzelnen Zellen angucken, in denen teilweise noch Betten stehen und Folterinstrumente liegen. In einem der Gebäude gibt es eine Ausstellung, die viele Fotos der Gefangenen und einige schriftliche Geständnisse zeigt. Ich kann nicht in Worte fassen, was ich bei der Begehung der einzelnen Gebäude empfand. Was die Roten Khmer ihrem eigenen Volk auf grausame Weise angetan haben, ist unbegreiflich.

Torture Rack S-21 Museum Tuol Sleng Phnom Penh Cambodia

Bei der Befreiung durch die Vietnamesen 1978 gab es sieben Überlebende, von denen einige noch heute leben. Im Museum gibt es einen Videoraum, in dem verschiedene Filme über das Regime der Roten Khmer gezeigt werden. Einer der Filme ist eine Dokumentation, in der überlebende Gefangene im Tuol Sleng Museum auf ehemalige Mitarbeiter des Gefängnisses treffen. Dieser Film hat mich am meisten schockiert, denn einige der ehemaligen Mitarbeiter scheinen bis heute nicht zu verstehen, was sie den Gefangenen dort angetan haben. Sie sind nach wie vor der Meinung, richtig gehandelt zu haben und sagen das auch ganz klar und deutlich.

Die Killing Fields

Wer nicht bei der Folter in den Gefängnissen starb, wurde auf die Killing Fields gebracht, um dort ermordet zu werden. Es gab in Kambodscha insgesamt etwa 300 solcher Stätten, von denen das Killing Field in Choeung Ek in der Nähe von Phnom Penh das bekannteste ist. Hierher wurden die Gefangenen aus dem S-21 Gefängnis gebracht, um kaltblütig umgebracht zu werden.

Bis zu 17.000 Menschen wurden hier durch Erschlagen getötet. Erschießen kam nicht in Frage, da Munition teuer war. Häufig kamen mehr Menschen auf den Killing Fields an, als von den Mitarbeitern getötet werden konnten. Die Wartenden wurden dann in einem dunkeln Raum eingesperrt. Und damit sie die Schreie der Sterbenden nicht hören konnten, wurden die Killing Fields mit lauter Musik beschallt.

Skulls Killing Fields Phnom Penh Cambodia

Die Getöteten wurden in Massengräbern verscharrt, die auch heute noch deutlich sichtbar sind. Bei der Begehung des Killing Fields in Choeung Ek wird mehrfach darum gebeten, vorsichtig zu sein und nicht auf die menschlichen Überreste zu treten, die vom Regen aus der Erde gewaschen wurden.

Zum besseren Verständnis wird jedem Besucher der heutigen Gedenkstätte ein Audioguide zur Verfügung gestellt, der die Geschichte der Khmer Rouge erzählt und genaue Infos zu den einzelnen Stationen gibt, die für die Besucher markiert wurden.

Killing Fields Phnom Penh Cambodia

Die Stationen zeigen einige Massengräber und Glaskästen mit Kleidung sowie Knochen und Zähnen der Opfer. Außerdem wurde eine Gedenkstupa gebaut, in der hunderte von Schädeln aufbewahrt werden. Die Station, die mich am meisten schockiert hat, war der Killing Tree. Babies und Kleinkinder wurden so lange mit dem Kopf gegen diesen Baum geschlagen, bis sie tot waren. Die Vorstellung, dass Menschen überhaupt zu so etwas fähig sind, ist für mich unbegreiflich.

Killing Tree Killing Fields Phnom Penh Cambodia

Gegenwart

Pol Pot starb im April 1998. Die Roten Khmer sind angeblich noch immer im Untergrund aktiv, stellen aber für Kambodscha keine Gefahr dar. Im August 2014 wurden die zwei letzten noch lebenden Anführer zu lebenslanger Haft verurteilt.

Über den Autor

Mona

Früher saß ich den ganzen Tag im Büro am Schreibtisch - heute bin ich angehende Weltenbummlerin, Fotografin, Texterin, Geschichtenerzählerin und Reiseplanerin.
In diesem Blog erzähle ich die Geschichten, die mein Freund Patrick und ich auf unserer Weltreise erleben - und gebe Tipps zur richtigen Vorbereitung einer Langzeitreise und zu einzelnen Reisezielen.

Ein Kommentar

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  • Ich habe auch diese beiden Stätten besucht und mir ging es dabei ähnlich wie dir. Echt grausam – inbesondere der Killing Tree……da tun sich menschliche Abgründe auf……

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